Darstellung und Funktion des i-Punktes als integrativer Bestandteil des Buchstabenganzen

Eine ausführliche Unterrichtsvorbereitung von Edmund Wild, Gesamtschule Ehringshausen

Edmund Wild:
Ausführliche Unterrichtsvorbereitung

Vorbemerkung:

Das hessische Kultusministerium hat zahlreiche Anfragen von Referendaren erhalten, in welchen diese ihre Unsicherheit beim Verfertigen der Ausführlichen Unterrichtsvorbereitung beklagen.

Das Ministerium legt deshalb hier eine Vorbereitung vor, die im Rahmen einer Klausurtagung durch den Kultusminister selbst, die Regierungspräsidenten und die Schulamtsdirektoren erarbeitet und von der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder der Bundesrepublik Deutschland als verbindliches Muster verabschiedet wurde.

Die Lehramtsreferendare sind gehalten, sich das Muster zum Vorbild zu nehmen. Besonderes Augenmerk ist darauf zu legen, daß die Unterrichtsstunde (im Gegensatz zu allen dem Ministerium vorliegenden Entwürfen) völlig ohne Arbeitsblatt auskommt.

THEMA DER STUNDE:
Darstellung und Funktion des i-Punktes als integrativer Bestandteil des Buchstabenganzen

1. REFLEXION DER BEDINGUNGSFELDER

Entfällt. Es war den oben genannten Personen nicht möglich sich vorzustellen, unter welchen Bedingungen die Lehramtsreferendare tätig sind.

2. REFLEXION DER ENTSCHEIDUNGSFELDER
2.1. Legitimierung des Lehrinhalts
2.1.1. Schülerrelevanz

Der i-Punkt spielt im Leben der Schüler eine entscheidende Rolle. Wenn sie eingeschult werden, gibt man ihnen aus guten Gründen den Namen i-Männchen (heute auch gelegentlichi-Frauchen, in abgelegentlichen Gebieten auch i-Fräuleinchen). Diese Bezeichnung ist ein Indiz dafür, daß im Leben der Kinder mit dem Schuleintritt eine wesentliche Phase beginnt, die durch zwei Phänomene charakterisiert ist:

Erstens lernen sie das Alphabet. Und im Alphabet sticht als wichtigster Buchstabe das i heraus. Das veranlaßte den Volksmund zu dem oben erwähnten Namen.

Zweitens wird von den Kindern ab sofort Pünktlichkeit verlangt, was ihnen täglich und stündlich die Bedeutung des Punktes innerhalb des institutionalisierten Lernprozesses vor Augen führt. Das Wort Pünktlichkeit hebt die Rolle des ihm immanenten Wortes Punkt hervor, geht aber darüber hinaus, indem es durch zwei Silben angereichert und um vier Punkte (zwei davon i-Punkte) ergänzt wird. Hier liegt ein schönes Beispiel für die Kongruenz von Form und Inhalt vor.

Dem i-Punkt sind die Kinder allerdings auch in der vorschulischen Lebensphase schon begegnet, weiß man doch seit den grundlegenden Arbeiten zur post-natalen Pupsertät aus der Paulistaner Schule (Chico Buarque de Holanda und Gal Costa), daß bei gewissen ungeformten und odoranten analen Produkten des Kleinkindes die Mütter in Laute ausbrechen können, in welchen das i überrepräsentiert ist: igittigitt (4 x i) und die Betonung auf dem i liegt. So wird die innige (2 x i) Kind-Mutter-Beziehung durch den i-Laut phonemonologisch in das kindliche Unterbewußtsein gesenkt.

2.1.2. Gesellschaftsrelevanz

Dem Graphem i, womit im folgenden auch immer das Phonem i gemeint ist, kommt in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, die ja in ihrer Mehrheit die deutsche Sprache und ihre dialektalen Abarten zur Kommunikation verwendet, eine außerordentliche Bedeutung zu. Zwar ist dem Schüler seine sozio-kulturelle Dependenz von höheren Institutionen (noch) nicht bewußt, doch wird er gleichwohl von den hierarchisch-bürokratischen Strukturen direkt betroffen. Als Schüler unterliegt er zunächst den (Rahmen-)Richtlinien des (Kultus-)Ministeriums (je 3 x i). Ist er erst erwachsen, so dirigieren ihn wichtigere Ministerien (9 x i).

Natürlich muß man den i-Punkt auch unter linguistisch-integrativen Gesichtspunkten würdigen. Es gehört zu den vornehmsten Aufgaben der Schule, jede Form von Ausländerfeindlichkeit durch eine adäquate stereotypenresistente Methode abzubauen. In unserem Falle betrifft es das Verhältnis zu den Türken. Jedermann weiß, daß der Buchstabe i seit Kemal Atatürks Reformen im Jahre 1928 auch in der Türkei gebräuchlich ist. Weniger geläufig ist es selbst dem gebildeten Fachleiter, daß außerdem auch das i ohne den Punkt, der hier im Zentrum unserer didaktischen Überlegungen steht, Teil des türkischen Alphabets ist.

Wer aber das Ohr am Munde der Schüler hat, dem dürfte aufgefallen sein, daß die türkische Abschiedsformel Allahaismarladik längst Eingang in unsere Umgangssprache gefunden hat. Von daher ist der Schüler auch mit dem i ohne Punkt bestens vertraut, und er findet über diesen Buchstaben zur sozialen Integration mit seinem türkischen Klassen- und später Arbeitskameraden.

2.1.3. Fachrelevanz

Folgt man den Untersuchungen von Helmut Meier (Helmut Meier: Deutsche Sprachstatistik. Hildesheim. 1979), so stellt man fest, daß der Buchstabe i in der deutschen Sprache eine dominierende Position einnimmt. Das am häufigsten gebrauchte Wort die (349553 Nennungen im Kaedingschen Mischtext von 11 Mio. Wörtern) enthält als charakteristischen Vokal das i. Von den zwölf nächsthäufigen Wörtern ist immerhin die Hälfte durch das i bestimmt (in, nicht, sie, ist, sich, mit). Das beweist, daß dem i und seinem Kolon (populärwissenschaftlich: Punkt) eine herausragende quantitative Position unter den Buchstaben zukommt.

In der Poesie hat sich vor allem der Klassiker Christian Morgenstern dem i hingegeben:

Das ästhetische Wiesel

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel
Wißt ihr
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im stillen:
Das raffinierte Tier
tat's um des Reimes willen.

Dieser hintergründige Vers eines unserer Dichterfürsten zeigt in seiner dominierenden Repräsentanz des i, wie man durchaus Brücken vom Fach Deutsch zum Fach Biologie schlagen kann. Denn welcher Biologielehrer wäre bisher dem handlungsorientierten Ansatz des Wiesels gerecht geworden, welches seinen Namen im Dienste der guten Sache dergestalt prostituierte, daß es nicht, wie es sich für ein Wiesel gehört, dem Huhn nachjagte (u-a-a-e), sondern sich auf einem Kiesel niederli(i-e-i-e-i).

Diese Beispiele belegen zur Genüge, daß das i sowohl in der Sprach- als auch in der Literaturwissenschaft mehr als hinreichend repräsentiert ist und nach einer unterrichtlichen Bearbeitung geradezu verlangt.

2.2. Strukturierung des Lehrinhalts
2.2.1 Sachanalyse

Das i nimmt innerhalb der deutschen Buchstabenreihe den Platz 9 ein, bei den Vokalen steht es genau in der Mitte. Was die Stellung der Lippen angeht, so befindet sich der i-Laut in Opposition zum u-Laut. Beim i sind die Lippen am breitesten, beim u am stärksten gerundet. Es gehört zu den selbstverständlichen Pflichten des Lehrers, vor der Einführung des i die Mundöffnungs- und-rundungskompetenz seiner Schüler genau zu testen. Um etwaigen Frustrationen vorzubeugen, sollte der Lehrer überprüfen, ob in den Familien der Schüler schon einmal Mundfäule (Pigritia oralis) vorgekommen ist, die der richtigen Artikulation hinderlich wäre.

2.2.2. Didaktische Reduktion

Der Punkt ist in seiner idealtypischen Ausformung schon so klein, daß er sich einer weiteren Reduktion eigentlich widersetzt, und sei es auch nur eine didaktische Reduktion. Deshalb soll hier der gegenteilige Weg beschritten und sozusagen aus einer Mücke (vgl. Joh. Amos Comenius: Orbis Sensualium Pictus. Leutschoviae 1685, Seite 51) ein Elefant (ebenda, Seite 57) gemacht werden. Dieser Weg wird von den Didaktikern ohnehin bevorzugt.

Der geneigte Leser sollte sich einmal der Mühe unterziehen und zählen, wie viele i-Punkte allein der hier vorliegende bescheidene Text enthält. Er wird dann leicht einsehen, daß die verwirrend große Zahl den Schülern nicht zugemutet werden darf. Deshalb muß eine Auswahl der wichtigsten i-Punkte getroffen werden. Dazu bieten sich folgende Kriterien an:

1. Enthält das Wort mehrere i-Punkte. Welche davon sind entbehrlich?

2. Gehört der i-Punkt zur Erlebniswelt der Klasse?

3. Wurde dieser i-Punkt schon einmal von einem bedeutenden Dichter (z.B. Schiller) verwendet?

4. Ist der i-Punkt von der Schulkonferenz genehmigt und trägt er zum schuleigenen Profil bei?

3. UNTERRICHTSENTWURF
3.1. Lernziele der Stunde

 
kognitiv Die Schüler sollen am Ende der Stunde mehr wissen.
affektiv Die Schüler sollen am Ende der Stunde mehr fühlen.
religiös Die Schüler sollen am Ende der Stunde mehr glauben.
sozial Die Schüler sollen sich am Ende der Stunde weniger prigeln.
imitativ Die Schüler sollen am Ende der Stunde genauso schöne i-Punkte setzen können wie der Lehrer.
fakultativ Die Schüler sollen am Ende der Stunde den schönsten i-Punkt auswählen können.
artikulativ Die Schüler sollen am Ende der Stunde das i und den Punkt deutlich aussprechen können.
ökologisch Die Schüler sollen am Ende der Stunde entscheiden können, welche i-Punkte aus Gründen der Müllvermeidung weggelassen werden können.
feministisch Die Schüler sollen am Ende der Stunde klar zwischen i-Punkten und i-Pünktinnen unterscheiden und bei ihren Textproduktionen das hessische Gleichstellungsgesetz beachten können.

3.2. Methodisch-mediale Konzeption der Stunde

Zu Beginn der Stunde setzen sich die Kinder in Form eines i, dessen Punkt durch den Lehrer gebildet wird. Sodann liest der Lehrer eine spannende Geschichte vor, wobei er aber immer den i-Punkt wegläßt oder in Gedanken über einen anderen Buchstaben setzt. Das führt den Schülern die verderbliche Nachlässigkeit im Umgang mit dem i-Punkt vor Augen. Sie werden beim Zuhören Verständnisschwierigkeiten haben, wenn der i-Punkt akustisch über dem Buchstaben m erscheint. Voller Entsetzen greifen sie nun nach ihren Heften, tragen den i-Punkt nach oder ziehen ihn mit einem eleganten Bogen zu dem gemeinten i. Damit ist das Element der Handlungsorientierung und der Schülerselbstkontrolle gewährleistet.

Um auch dem Prinzip der sozialen Integration gerecht zu werden, kann der Lehrer darauf verzichten, der i-Punkt zu sein, und kann diese herausgehobene Position dem Schüler anbieten, dessen Eltern über das geringste Einkommen verfügen.

3.3 Geplanter Stundenverlauf

 
Zeit Phase Verlaufsplan Kommentar Sozial- 
form
Medien
2.34 Min Begrü- 
ßung
Der Lehrer kommt in die Klasse und sagt: "Moin!"
Die Klasse antwortet: "Mooiin!"
Die aus der Familiensituation vertraute hessische Begrüßungsform wird simuliert, um emotionale Wärme zu schaffen.  frontal Zunge 
Lippen
Kehlkopf
7.38 Min Einstieg Der Lehrer stößt den Kriegsruf der Apachen aus, der besonders viele i-Laute enthält.

Die Schüler stellen die Stühle zu einem i und bieten dem Lehrer den Platz des Punktes an.

In der exemplarisch repräsentativen Konfrontation mit fernen Kulturen wird die Toleranz der Schüler auch gegenüber schrecklichen Lauten propädeutisch gestärkt. 

Die Klasse ist in Denkanstößen geschult. Sie versteht den Impuls des Lehrers und weiß auch, welche Rolle der Häuptling spielt.


 

i-
Punkt

Karl May:
Old Sure-
hand,
Seite 48
5.001 Min Präsen-
tation
Der Lehrer liest die Geschichte von Häuptling Winnetous Sohn Winni-schickimicki vor. Er läßt dabei die i-Punkte akustisch weg oder verpflanzt sie. Die Klasse hört gebannt zu - wie immer, wenn sie etwas nicht versteht. i- 
Punkt
Karl May:
Winne-
tou II,
Seite 327 f.
15.15 Min Erarbei-
tung
Die Schüler stellen Vermutungen darüber an, welchen Defekt die vorgetragene Geschichte haben könnte und finden nach geschickter Lenkung durch den Lehrer heraus, daß die i-Punkte verrückt sind (und nicht der Lehrer). Das ausdrucksvolle Weglassen eines signifikanten Buchstabenteils motiviert die Schüler zur interaktiven Diskussion über die Kausalität similarer scolarer Probleme. Sie vermuten die Gründe für die fehlende Repräsentanz der i-Punkte: z.B. Lehrer hat Hasenscharte, Lehrer hat in der Eile ein türkisches Buch gegriffen usw. 

Schließlich finden sie heraus, daß der Lehrer die i-Punkte bewußt verfremdet hat, um sie auf ihre Schlamperei in den Heften hinzuweisen. 

Circu-
lus vitio-
sus
 
12.102 Min Auswer-
tung
Die Schüler stürzen zu ihren Plätzen, graben ihre Hefte aus Leinensäcken, Plastiktüten, Campingbeuteln und Schultaschen und setzen die i-Punkte bzw. verschieben sie an die richtige Stelle.  Durch den unverstandenen Lesetext aufgeschreckt, erkennen die Schüler, daß fehlende i-Punkte in einem Text dem Global- und schon gar dem Detailverständnis entgegenstehen. Aus dieser Erkenntnis erwächst als spontane, handlungsorientierte Reaktion die kritische Auseinandersetzung mit eigenen Textproduktionen, die in einer vergangenheitsbewältigenden Korrektur aller Hausaufgaben mündet.  Chaos Schüler- 
hefte
3.027 Min Abschluß Der Lehrer lobt die Schüler für ihre aktive und partizipative Kooperation und wünscht ihnen für ihren weiteren Lebensweg alles Gute. Aus der Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit könnte bei den Schülern eine frustrationsbedingte Legasthenie entstehen. Dem wirken jedoch die tröstenden Worte und die Zukunftswünsche des Lehrers entgegen. frontal Rede- 
manu-
skript
des
Lehrers

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